AXEL GALLUN IM GESPRÄCH
anläßlich der 10. Werkschau im Grafenhaus Herrnhaag, Büdingen, am 12.09.07
Herr Gallun, das Leitmotiv Ihrer diesährigen Ausstellung im Grafenhaus Herrnhaag
lautet „Pangäa“.
Was verbinden Sie mit diesem Begriff? Pangäa ist die „Allerde“, der Superkontinent
vor seiner Teilung, dem Auseinanderdriften in die heute bekannten Kontinente. Die
wissenschaftliche Seite interessiert mich aber wenig. Die Faszination besteht darin,
dass damals alles eins war und trotz des langen Zeitabstands immer auch noch ein
Teil von uns ist. Wir stehen in direkter Verbindung, wir bestehen aus dem gleichen
Material, das auch damals die Welt gebildet hat und somit ist es, auch wenn unglaublich
viel Zeit verstrichen ist, sehr nah. Aber es geht vor allem um mein inneres Pangäa –
die auseinander-driftenden Kontinente in mir, die dennoch eins sind. Pangäa ist der
Kunstbegriff für eine Region, in die ich mich für meine Bilder begebe, ein Raum, in
dem nur ich vorkomme, nur ich hineinkann.
Im Mittelpunkt steht ein großformatiges Bild, das einen Kosmonauten zeigt, mit dem Titel: „Der Wanderer“. Das Bild überrascht nicht nur durch seine gegenständliche, realistische Malweise, sondern auch durch die Wahl des Motivs. Rückt Ihr Lieblingsthema, der weibliche Torso, aus dem Fokus?
Der weibliche Körper und die abstrakte Darstellung als Torso wird immer Thema in meiner Arbeit sein. Darum drehen sich nach wie vor die meisten der gezeigten Arbeiten. Insgesamt betrachtet mag einiges realistischer dargestellt sein. Diese Seite gibt es schon immer und sie geht mir nicht locker von der Hand. Aber bei bestimmten Arbeiten setze ich dieses Stilmittel ein, um meine Aussagen zu verdeutlichen. Aber es geht mir nicht um den vordergründigen Realismus.
Von zentraler Bedeutung sind die Symbole, die ich nutze - Metapher, wie beispielsweise der Papierflieger: ein abstraktes Gebilde, sehr technisch einerseits, andererseits zart und sehr individuell. Ich verbinde es mit unserer Körperlichkeit: wie sie sind wir alle relativ ähnlich, aber dennoch verschieden, ein jeder etwas anders gefaltet. Wie wir werden sie auf den Weg geschickt, mit der Zeit entfalten sie sich, lösen sich auf und vergammeln. Aber für eine Weile sind sie leicht und elegant geflogen…
So wie es uns mit unserem Körper ergeht?
Es geht nicht um die Begrenztheit, sondern um die Erhabenheit unseres Seins. Alle Bilder und Objekte sind sehr persönliche Aussagen, die ein Schriftsteller in Gedichtform schreiben würde.Die Symbolik entschlüsselt sich dem Betrachter durch die eigene Assozationsfähigkeit, die eigene Erfahrungswelt. Die inhaltliche Aussage wird deutlich, wenn man die Symbole übersetzt. Ich nutze also im wahrsten Sinne des Wortes eine Bildersprache.
Geben Sie dem Betrachter also Rätsel auf?
Darum geht es nicht. Es gibt keinen Lösungssatz. Entweder ich treffe jemanden ins Herz oder es gibt keine Resonanz, Erklärungen lehne ich ab. Vielmehr ist der Betrachter eingeladen, mit mir an dem Rätsel zu arbeiten. Meine Reise ein Stück mitzugehen. Meine Symbole verblüffen mich oft selbst, entstehen absichtslos auf einer Art inneren Entdeckungsreise. Oft bin ich überrascht, wenn ich Gelegenheit habe, in Symbolikbüchern zu blättern, und Übereinstimmungen in Form und Inhalt zu archaischen Symbolen entdecke. Ich reduziere sie gerne auf einige wenige Elemente, um eine Tiefe zu finden, keine Äußerlichkeit. Der reine Naturalismus, die Wirklichkeit abzubilden, interessiert mich nicht, langweilt mich, ich schaue lieber dahinter.
Allerdings ist mir dabei eine Leichtigkeit wichtig, eine Ironie, niemals ein Pessimismus. Im Mittelpunkt steht immer meine Sicht der Dinge. Der Vergleich mit einer Expedition ist vielleicht passend. Ich bin kein Jagd-, Tier- oder Portraitmaler, sondern betreibe vielmehr eine Art Dokumentation der inneren Vorgänge, die sich mit dem ganz persönlichen „In-die-Welt-geworfen-Sein“ auseinandersetzt.
Oder ins All, wie der Kosmonaut...
Genau dafür steht exemplarisch der Kosmonaut, der Sinnbild des Lebens ist. Wir bewegen uns im luftleeren Raum, solange wir versorgt sind, überleben wir. Wir können schauen, werden gesehen. Er beinhaltet eine gewisse Dramatik, ohne schwarzsehen zu wollen. Die Dramatik des Kosmonauten ist, dass er in seinem Raumschiff eingeschlossen ist und nicht aussteigen kann, ausgeliefert, auf das Raumschiff angewiesen. Dramatisch, aber nicht ohne Hoffnung.
Ein anderes zentrales Thema Ihrer Arbeit ist die Erotik. Sind Sie ein Erotomane?
Das ist auch mit „Pangäa“ zu erklären, mit der Erinnerung an das Einsgewesensein und die permanente Suche nach den verlorenen Kontinenten und der Trennung von männlich und weiblich.
Die Suche nach dem Weiblichen in Ihnen?
Nicht unbedingt. Eher die Faszination an dem Anderen, das uns trotzdem so nah ist, weil es ehemals eins gewesen ist. Das ist nun mal Inhalt dessen, was ich mache, politische Kunst interessiert mich nicht.
Sie zeigen wie gewohnt Gemälde und dreidimensionale Bildobjekte, haben sich diesmal aber mehr Bildern und hier vor allem der Kollage gewidmet…
Kollagen sind im Grunde die gleiche Geschichte wie die Bilder. Sie bauen sich aus verschiedenen Ebenen auf, die man ausschneiden und hinter- und voreinander montieren kann, was bei den Kollagen durch die Räumlichkeit nur deutlicher wird. Mich interessiert weniger die runde Körperhaftigkeit als vielmehr die Schichtung, die Zeitabläufe dokumentiert. Für den Betrachter entsteht eine Art zusammengefasste Diashow – kurz hintereinander summierte Bilder, die das Thema umkreisen.
Auffallend an Ihrer Arbeit ist die große Sorgfalt und handwerkliche Perfektion der Ausführung. Der oberflächliche Betrachter reiht Sie damit manchmal ein in den kunsthandwerklichen Bereich.
Handwerkliche Perfektion ist wichtig. Auf der Suche nach dem Ausdruck ist immer der ästhetische Nenner wichtig, etwas „hinsauen“, wäre für mich ein persönliches Unding. Meine wertschätzende Haltung dem Leben gegenüber wird darin deutlich, eine Wertschätzung, die ich auch dadurch zeige, dass ich oft scheinbar wertlose oder nichtige Materialien verwende wie rostiges Blech oder schrundiges Holz.
Oder Fundstücke...
Fundstücke wie alte Fassdauben, Fachwerkreste, Wäscheklammern, sogar Brennholz, nichts ist zu gering. Aber sie müssen mir etwas sagen. Die zukünftige Form wohnt den Dingen ja bereits inne, wenn sie gefunden werden, aber manchmal dauert es Jahre, bis sich ihre Bestimmung entschlüsselt. Diese Stücke begleiten mich dann oft lange Zeit, wurden von mir immer wieder in die Hand genommen und auch wieder weggelegt, bis ihr Zeitpunkt gekommen ist. Wie Puzzlestücke, die irgendwann einmal passen. Das Puzzle kann erst dann fertig werden, wenn alle Teile zusammengefunden haben.
Im Gegensatz dazu steht der Einsatz von Blattgold und –silber, sehr wertvollem Material.
Beim Einsatz des Blattsilbers, das ich meistens patiniere, reizt mich der Ausdruck des Hinfälligen und Vergänglichen. Gold ist die ultimative Höhung, die Sonne, das Absolute. Durch Bemalung nicht zu erreichen.
Herr Gallun, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen viel Erfolg für Ihre Ausstellung!
Herr Gallun, das Leitmotiv Ihrer diesährigen Ausstellung im Grafenhaus Herrnhaag
lautet „Pangäa“.
Was verbinden Sie mit diesem Begriff? Pangäa ist die „Allerde“, der Superkontinent
vor seiner Teilung, dem Auseinanderdriften in die heute bekannten Kontinente. Die
wissenschaftliche Seite interessiert mich aber wenig. Die Faszination besteht darin,
dass damals alles eins war und trotz des langen Zeitabstands immer auch noch ein
Teil von uns ist. Wir stehen in direkter Verbindung, wir bestehen aus dem gleichen
Material, das auch damals die Welt gebildet hat und somit ist es, auch wenn unglaublich
viel Zeit verstrichen ist, sehr nah. Aber es geht vor allem um mein inneres Pangäa –
die auseinander-driftenden Kontinente in mir, die dennoch eins sind. Pangäa ist der
Kunstbegriff für eine Region, in die ich mich für meine Bilder begebe, ein Raum, in
dem nur ich vorkomme, nur ich hineinkann.
Im Mittelpunkt steht ein großformatiges Bild, das einen Kosmonauten zeigt, mit dem Titel: „Der Wanderer“. Das Bild überrascht nicht nur durch seine gegenständliche, realistische Malweise, sondern auch durch die Wahl des Motivs. Rückt Ihr Lieblingsthema, der weibliche Torso, aus dem Fokus?
Der weibliche Körper und die abstrakte Darstellung als Torso wird immer Thema in meiner Arbeit sein. Darum drehen sich nach wie vor die meisten der gezeigten Arbeiten. Insgesamt betrachtet mag einiges realistischer dargestellt sein. Diese Seite gibt es schon immer und sie geht mir nicht locker von der Hand. Aber bei bestimmten Arbeiten setze ich dieses Stilmittel ein, um meine Aussagen zu verdeutlichen. Aber es geht mir nicht um den vordergründigen Realismus.
Von zentraler Bedeutung sind die Symbole, die ich nutze - Metapher, wie beispielsweise der Papierflieger: ein abstraktes Gebilde, sehr technisch einerseits, andererseits zart und sehr individuell. Ich verbinde es mit unserer Körperlichkeit: wie sie sind wir alle relativ ähnlich, aber dennoch verschieden, ein jeder etwas anders gefaltet. Wie wir werden sie auf den Weg geschickt, mit der Zeit entfalten sie sich, lösen sich auf und vergammeln. Aber für eine Weile sind sie leicht und elegant geflogen…
So wie es uns mit unserem Körper ergeht?
Es geht nicht um die Begrenztheit, sondern um die Erhabenheit unseres Seins. Alle Bilder und Objekte sind sehr persönliche Aussagen, die ein Schriftsteller in Gedichtform schreiben würde.Die Symbolik entschlüsselt sich dem Betrachter durch die eigene Assozationsfähigkeit, die eigene Erfahrungswelt. Die inhaltliche Aussage wird deutlich, wenn man die Symbole übersetzt. Ich nutze also im wahrsten Sinne des Wortes eine Bildersprache.
Geben Sie dem Betrachter also Rätsel auf?
Darum geht es nicht. Es gibt keinen Lösungssatz. Entweder ich treffe jemanden ins Herz oder es gibt keine Resonanz, Erklärungen lehne ich ab. Vielmehr ist der Betrachter eingeladen, mit mir an dem Rätsel zu arbeiten. Meine Reise ein Stück mitzugehen. Meine Symbole verblüffen mich oft selbst, entstehen absichtslos auf einer Art inneren Entdeckungsreise. Oft bin ich überrascht, wenn ich Gelegenheit habe, in Symbolikbüchern zu blättern, und Übereinstimmungen in Form und Inhalt zu archaischen Symbolen entdecke. Ich reduziere sie gerne auf einige wenige Elemente, um eine Tiefe zu finden, keine Äußerlichkeit. Der reine Naturalismus, die Wirklichkeit abzubilden, interessiert mich nicht, langweilt mich, ich schaue lieber dahinter.
Allerdings ist mir dabei eine Leichtigkeit wichtig, eine Ironie, niemals ein Pessimismus. Im Mittelpunkt steht immer meine Sicht der Dinge. Der Vergleich mit einer Expedition ist vielleicht passend. Ich bin kein Jagd-, Tier- oder Portraitmaler, sondern betreibe vielmehr eine Art Dokumentation der inneren Vorgänge, die sich mit dem ganz persönlichen „In-die-Welt-geworfen-Sein“ auseinandersetzt.
Oder ins All, wie der Kosmonaut...
Genau dafür steht exemplarisch der Kosmonaut, der Sinnbild des Lebens ist. Wir bewegen uns im luftleeren Raum, solange wir versorgt sind, überleben wir. Wir können schauen, werden gesehen. Er beinhaltet eine gewisse Dramatik, ohne schwarzsehen zu wollen. Die Dramatik des Kosmonauten ist, dass er in seinem Raumschiff eingeschlossen ist und nicht aussteigen kann, ausgeliefert, auf das Raumschiff angewiesen. Dramatisch, aber nicht ohne Hoffnung.
Ein anderes zentrales Thema Ihrer Arbeit ist die Erotik. Sind Sie ein Erotomane?
Das ist auch mit „Pangäa“ zu erklären, mit der Erinnerung an das Einsgewesensein und die permanente Suche nach den verlorenen Kontinenten und der Trennung von männlich und weiblich.
Die Suche nach dem Weiblichen in Ihnen?
Nicht unbedingt. Eher die Faszination an dem Anderen, das uns trotzdem so nah ist, weil es ehemals eins gewesen ist. Das ist nun mal Inhalt dessen, was ich mache, politische Kunst interessiert mich nicht.
Sie zeigen wie gewohnt Gemälde und dreidimensionale Bildobjekte, haben sich diesmal aber mehr Bildern und hier vor allem der Kollage gewidmet…
Kollagen sind im Grunde die gleiche Geschichte wie die Bilder. Sie bauen sich aus verschiedenen Ebenen auf, die man ausschneiden und hinter- und voreinander montieren kann, was bei den Kollagen durch die Räumlichkeit nur deutlicher wird. Mich interessiert weniger die runde Körperhaftigkeit als vielmehr die Schichtung, die Zeitabläufe dokumentiert. Für den Betrachter entsteht eine Art zusammengefasste Diashow – kurz hintereinander summierte Bilder, die das Thema umkreisen.
Auffallend an Ihrer Arbeit ist die große Sorgfalt und handwerkliche Perfektion der Ausführung. Der oberflächliche Betrachter reiht Sie damit manchmal ein in den kunsthandwerklichen Bereich.
Handwerkliche Perfektion ist wichtig. Auf der Suche nach dem Ausdruck ist immer der ästhetische Nenner wichtig, etwas „hinsauen“, wäre für mich ein persönliches Unding. Meine wertschätzende Haltung dem Leben gegenüber wird darin deutlich, eine Wertschätzung, die ich auch dadurch zeige, dass ich oft scheinbar wertlose oder nichtige Materialien verwende wie rostiges Blech oder schrundiges Holz.
Oder Fundstücke...
Fundstücke wie alte Fassdauben, Fachwerkreste, Wäscheklammern, sogar Brennholz, nichts ist zu gering. Aber sie müssen mir etwas sagen. Die zukünftige Form wohnt den Dingen ja bereits inne, wenn sie gefunden werden, aber manchmal dauert es Jahre, bis sich ihre Bestimmung entschlüsselt. Diese Stücke begleiten mich dann oft lange Zeit, wurden von mir immer wieder in die Hand genommen und auch wieder weggelegt, bis ihr Zeitpunkt gekommen ist. Wie Puzzlestücke, die irgendwann einmal passen. Das Puzzle kann erst dann fertig werden, wenn alle Teile zusammengefunden haben.
Im Gegensatz dazu steht der Einsatz von Blattgold und –silber, sehr wertvollem Material.
Beim Einsatz des Blattsilbers, das ich meistens patiniere, reizt mich der Ausdruck des Hinfälligen und Vergänglichen. Gold ist die ultimative Höhung, die Sonne, das Absolute. Durch Bemalung nicht zu erreichen.
Herr Gallun, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen viel Erfolg für Ihre Ausstellung!